Die Idee einer Zusammenarbeit der Literaturzeitschriften „perspektive“, „ausreißer“ und „Lichtungen“ beruht auf einem Konzept von Werner Schandor. Aus dem angedachten Symposium wird eine gemeinsame Publikation in zwei Teilen und mehreren Sprachen namens „Transletter“. Mit dieser erstmals realisierten Kooperation wird gezeigt, wofür die drei Zeitschriften stehen, zugleich wird das kulturelle und sprachliche Potenzial der Stadt offengelegt. Als Konkurrentinnen sehen sich Andrea Stift-Laube von den „Lichtungen“, Silvia Stecher von der „perspektive“ und Evelyn Schalk vom „ausreißer“ ohnehin nicht. Wohl aber gibt es unterschiedliche Positionen, im Literaturbetrieb wie auch in gesellschaftlichen oder politischen Fragen. Die Zusammenarbeit sehen alle Beteiligten vielleicht gerade deswegen als bereichernd an.
„Bei einer mehrsprachigen Zeitschrift stellen sich viele Fragen“, sagt Silvia Stecher: „Was wird ausgewählt, was sagt man damit aus? Sprachen stehen ja in einem bestimmten Verhältnis zu Macht- und Dominanzstrukturen. Zum Beispiel: Wenn wir einen türkischen Text nehmen, warum nicht auch einen kurdischen? Da spielen auch historische und politische Faktoren mit.“ Für die erste Ausgabe werden Texte in 16 Sprachen und 5 Schriften ausgewählt, für die zweite wird diese Bandbreite noch erweitert. Und doch ist den drei Herausgeberinnen bewusst, dass nur ein Teil der kulturellen Vielfalt abgebildet werden kann. Darüber hinaus ist Repräsentation allein nicht das Ziel, sondern Mehrsprachigkeit als literarische Realität und Lebensrealität sowie als kritisch-diskursives Mittel hervorzustreichen.
Dafür wird die Reichweite über das sonst mögliche Ausmaß gesteigert. Die erste Publikation, die im Sommer 2021 erscheint, wird als Postwurfsendung in Lend, Gries, Eggenberg und Puntigam verteilt und liegt auch in Lokalen und Institutionen zur freien Entnahme auf. Damit, so die Hoffnung, erreicht man auch ein Publikum, das Institutionen wie das Literaturhaus oder das Forum Stadtpark nicht besucht. Die Idee scheint aufgegangen zu sein. „Bis dato waren sämtliche Reaktionen sehr positiv“, sagt Evelyn Schalk, „sowohl was den Umgang mit Sprache und Übersetzung angeht, als auch was die grafische Aufbereitung und die Zugänglichkeit betrifft.“ Ein Eindruck, den Silvia Stecher und Andrea Stift-Laube bestätigen.
Sprechen wir über die Zukunft Die zweite Ausgabe, die im Dezember 2021 erscheint, könnte unter Umständen nicht die letzte sein. „Zwei Seelen schlagen da in unserer Brust“, sagt Andrea Stift-Laube. „wir haben immer wieder darüber gesprochen, mit einer Ausgabe pro Jahr weiterzumachen. Die zweite Seite ist aber, dass wir unsere Selbstausbeutung nicht weiter vorantreiben wollen.“ Silvia Stecher sieht das ähnlich: „Für mich wäre der Wunsch groß, das nicht nur punktuell zu machen, vielleicht sogar eine fixe mehrsprachige Redaktion aufzubauen und das Projekt so irgendwann auch in andere Hände zu legen.“
Mehrsprachigkeit spielt auch im Alltag eine große Rolle. Wie beurteilen denn Silvia Stecher, Andrea Stift-Laube und Evelyn Schalk diesbezüglich die Situation in Graz? Es gäbe hier viel zu tun, da sind sich alle drei einig. Das habe man speziell zu Beginn der Pandemie gesehen, als es an Informationen in anderen Sprachen massiven Mangel gab, so Schalk. Auch die Diskussionen um die Verwendung von „Fremdsprachen“ in Schulen und Kindergärten seien bezeichnend. Dabei wisse man aus der Forschung, dass ohne gute Kenntnis der Muttersprache auch das Erlernen von Deutsch viel schwerer falle. „In Graz fehlt leider der politische Wille, Muttersprache aufzuwerten“, sagt Andrea Stift-Laube. Eines wünschen sich alle drei Herausgeberinnen von der Stadt der Zukunft: Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum. „Man hat manchmal den Eindruck, man lebt noch in der k. und k. Pensionist*innenhauptstadt“, sagt Silvia Stecher, „wobei es damals im Stadtbild wahrscheinlich mehrsprachiger zuging als heute.“