Das Sujet der Einsamkeit im urbanen Raum beschäftigt Christina Lederhaas, Johannes Schrettle und Eva Hofer bereits seit Jahren. So entwarfen sie zu dritt ein Stück über das Verschwinden aus der Öffentlichkeit, das für eine Einreichung bei der EU gedacht war. Für das Kulturjahr wollten sie dann gemeinsam mit La Strada in Graz sowie in den beiden europäischen Kulturhauptstädten des Jahres 2020, Rijeka und Galway, einsame Menschen finden und mit ihnen einen Chor von schreienden Zombies bilden.
Die Einsamkeit wird durch Lockdowns und Quarantäne zu einem unerwarteten Massenphänomen in den Städten. Entscheidend für das Konzept ist, sagt Eva Hofer, dass im Stück Menschen präsent sind, die sonst kaum mehr wahrgenommen werden. Eine Gruppe vor allem älterer Protagonist*innen ist bald gefunden. Aufgrund der weiteren Ereignisse werden nach ersten Workshops dreizehn ihrer Stimmen aufgenommen, denn Auftritte sind zu diesem Zeitpunkt für eine mehrheitlich vulnerable Gruppe undenkbar geworden.
Lederhaas, Hofer und Schrettle hingegen agieren im Rahmen von La Strada mehrmals live auf dem Andritzer Hauptplatz. „Dieser Ort hat uns gefallen, weil er nichts ist und alles, weil er Stadt ist und Dorf. Verschiedene Menschen sitzen herum, Schüler*innen warten auf den Bus und am Abend bei den Standln wird getrunken“, sagt Hofer. Für die Menschen, die sich am Platz aufhalten, muss die Zombie-Performance der drei merkwürdig bis verstörend wirken. „Gerade meine Figur hat für reichlich Aufsehen gesorgt, weil ich viel am Boden gelegen bin, teilweise halb auf der Straße. Bei der Generalprobe ist prompt die Polizei gekommen und hat gefragt, ob ich Hilfe brauche, als ich gerade aus dem Brunnen stieg. Wir hatten aber bald einen ‚Fanclub’ von älteren Andritzer*innen, die die anderen informiert haben, was wir da tun. Sie wollten allerdings immer nur zuschauen, nie zuhören.“
Schreie gegen das Verschwinden Dabei ist gerade die Audio-Ebene interessant, denn über Kopfhörer werden die Stimmen der einsamen Menschen wahrnehmbar. Dieser Mix aus Performance und einer zusätzlichen Klangquelle hat in der Zusammenarbeit von Lederhaas, Schrettle und dem Theater im Bahnhof schon Tradition, sagt Hofer. Die Kooperation wird im Herbst 2021 mit dem Stück „Wir werden damit leben müssen“ fortgesetzt, wobei auch die erwähnte Gruppe von Darsteller*innen wieder eingebunden wird.
Das Schreien als Signal, um sich gegen das Verschwinden aus dem Stadtraum zu wehren, wirkt heute bedrohlich. Man stelle sich einen 80-Jährigen vor, der brüllend über einen Platz läuft. Die Polizei wäre wohl auch hier rasch zur Stelle. Ängste, Trauer, Einsamkeit haben bei uns still durchlebt zu werden. Zumindest ab dem Kleinkindalter. Es fällt uns auch schwer, den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamsein zu erkennen. Wenn jemand allein auf einer Bank sitzt, kann es entspannte Ruhe bedeuten oder das Fehlen jeglicher sozialen Kontakte.
„Mich beschäftigt oft ein Bild“, erzählt Eva Hofer, „ich weiß nicht, ob ich das wo gelesen habe oder geträumt. Ein Mensch betritt ein Strickgeschäft und weil er so einsam ist, streichelt er die Wollknäuel. Das mag absurd klingen, aber mir fällt auf, dass mich immer wieder ältere Damen beim Spaziergehen fragen, ob sie meinen Hund berühren dürfen, um sich so Streicheleinheiten zu holen. Und das sagen sie auch genauso, das wäre vor einem Jahr undenkbar gewesen.“
Eines steht für die Schauspielerin fest: In Graz gibt es eine große Menge an Menschen, die wissen, wie sie leben wollen und sich dafür auch engagieren, etwa wenn es um Umwelt- und Klimaschutz geht. Doch die Politik ignoriere das viel zu oft. Dagegen hilft nur: schreien.