Theater am Lend

THE CHORUS PROJECT – ORESTIE RELOADED

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#Soziales Miteinander    Darstellende Kunst

DER CHOR ERINNERT SICH

Die „Orestie“ des griechischen Dichters Aischylos bestand aus vier Teilen, wobei der letzte verloren ging. Die Idee von Edith Draxl und dem Theater am Lend war es nun, gemeinsam mit Partner*innen aus Deutschland, England und Nordmazedonien alle vier Teile in Graz, Skopje und London zu zeigen. Der Plan konnte mit einigen Adaptionen zumindest teilweise über die Bühne gehen. In Graz wurden beim „Chorus Festival“ drei der vier Teile live gezeigt. In der nordmazedonischen und der englischen Hauptstadt wurden die Aufführungen digital präsentiert. Für diese Online-Festivals wurde eine vollständige filmische Version produziert.

Die Aufgabe des Theaters am Lend war es, den verlorenen vierten Part neu in Szene zu setzen. Dafür suchte sich das Theater seinen Chor aus dem Publikum. Es wurden Menschen, die in Graz leben, im Rahmen von „Erzählcafés“ gefragt, wie sie mit ihren Eltern, der Schule, der Sexualität und anderen Themen in ihrer Jugend umgingen. Dabei ging es auch um die Kriegs- und die Nachkriegszeit, die 1960er-Jahre, den Tod in der Familie. Sehr berührend etwa, wenn ein Mann erzählt, wie sein Großvater starb und die Kinder von den Trauerenden ferngehalten wurden. Durch die Heizungsrohre aber hörten sie das Weinen der Großmutter.

Frauen und Männer ab 65 Jahren, aus dem ländlichen Umfeld genauso wie aus dem urbanen Raum, auch eine Frau, die aus dem Iran stammt, kamen zu Wort. Die Theaterleiterin und ausgebildete Psychotherapeutin Edith Draxl betont, dass nur die Reflexion über diese Geschehnisse uns als Menschen weiterbringt: „Wir müssten in einem viel umfassenderen Sinn Erinnerungskultur betreiben als nur nette Anekdoten zu sammeln“.

Das Publikum auf der Bühne
Aus den Geschichten wurde eine neue Geschichte. Christian Winkler machte aus den Gesprächen und aus Motiven der Orestie ein neuartiges Stück. Ein Erzähler trifft dabei auf den Chor, der aus den Menschen besteht, die zuvor ihre Erinnerungen offenlegten. Sie tragen freilich nicht ihre eigenen Geschichten vor, sondern Winklers Bearbeitung davon. Trotz ihres meist reiferen Alters und der pandemiebedingten Umstände wollten mehrere Mitglieder des Chors tatsächlich auftreten, jeweils drei von ihnen standen wechselweise live auf der Bühne. Mithilfe von filmischen Elementen, umgesetzt von Winkler und dem Grazer Team Henx, war aber bei jeder Vorstellung der gesamte Chor anwesend.

Sowohl Form als auch Inhalte riefen starke Resonanz hervor. Edith Draxl meint daher: „Wir wollen das Stück unbedingt wieder spielen. Da gäbe es noch viele Reaktionen. Gerade ältere Menschen haben uns nach dem Stück oft ihre Sicht der Dinge erzählt. Wobei die Themen und die Tonalität ähnlich waren: eher konservativ, aber doch deutlich im Aufbruch befindlich.“

Die Kernfrage des Kulturjahrs – „wie wir leben wollen“ – so meint Draxl, hätte die Einreichung motiviert: „Wir hatten den Eindruck, dass unser Stück gut dazu passt. Und es hängt eng mit dem zusammen, was wir mit uniT und dem Theater am Lend auch zuvor gemacht haben. Etwa in einer Kooperation mit dem steirischen herbst mit dem ‚Hotel Rollator‘.“

Was kann man aus den Erzählungen des Chors nun lernen? Dass die ältere Generation, die sogenannten 68er, die Gesellschaft massiv verändert hat. Und dass es gravierende Unterschiede gab zwischen damals und heute, zwischen Stadt und Land – exemplarisch zu sehen am Umgang mit dem Nationalsozialismus. Und wie will Edith Draxl in Graz leben? „Ich bedaure die Segmentierung in der Gesellschaft sehr“, sagt die Theatermacherin. Sie fordert Orte, an denen sich unterschiedliche Menschen begegnen und austauschen können, über Generationen hinweg, ungeachtet der Herkunft oder anderer soziologischer Faktoren: „Ich möchte mit einer Verschränkung von Menschen leben, die an den anderen Lebenswelten teilhaben können. Das ist entscheidend dafür, ob Gesellschaft überhaupt gelingt.“

 

(c) Wolfgang Rappel
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