Hans-Peter Weingand

QUEERE GESCHICHTE(N)

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Vom Gefängnis bis zum Trauungssaal

Hans-Peter Weingand befasst sich seit vielen Jahren mit der Geschichte lesbischer, schwuler und bisexueller Menschen in Graz. So trug er wesentlich dazu bei, dass mehrere „Stolpersteine“ für Opfer des Nationalsozialismus verlegt wurden. Für das Kulturjahr entwickelt er Stadtspaziergänge, die rund 30 Orte und Gebäude mit historischen Geschehnissen in Verbindung bringen. Auf Basis dieser Recherchen entsteht außerdem ein Set von Infokarten, das für die Arbeit in Schulen, Vereinen, aber auch im familiären Bereich geeignet ist. Mit den Karten kann man sich eine eigene Tour zusammenstellen und hat alle notwendigen Informationen gleich zur Hand. So kann etwa die Geschichte lesbischer Frauen erfahrbar gemacht werden. Auch die Verfolgung durch die Nazis wird ersichtlich: „Kurz nach dem ‚Anschluss‘ 1938 wurden schon die Kripo und die Gestapo aktiv“, sagt Weingand, „es gab Prozesse gegen 120 schwule Männer. Das ist von der Größenordnung enorm, man hat damit wahrscheinlich einen wichtigen Teil der Szene erfasst. Und besonders tragisch: Es wurden mindestens sechs Personen verurteilt, die dann ins KZ kamen und das nicht überlebten. Da ging es nicht um kriminelle Aktivitäten, sondern um einvernehmliche Handlungen unter Erwachsenen.“

Durch die Erkenntnisse, die Weingand aus Archiven und Zeitungen sowie aus Erzählungen sammelt, bekommen viele Orte in Graz eine neue Facette. So war etwa das Orpheum zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein beliebter Treffpunkt für Homosexuelle. Es kam zu Verhaftungen, betroffen war unter anderem ein Sänger an der Oper Graz, der eine zweijährige Haftstrafe ausfasste und als geborener Ungar sogar die Stadt verlassen musste. An seinem neuen Wohnort in Deutschland publizierte er eine Broschüre über den Umgang mit gleichgeschlechtlich liebenden Menschen in Graz. „Das Interessante daran ist“, meint Hans-Peter Weingand, „dass dies die erste Streitschrift in Österreich zu diesem Thema ist, die von einem Betroffenen geschrieben wird, nicht von jemandem mit medizinischem oder juristischem Hintergrund.“

Tolle Partys vor dem ‚Anschluss’
Es sind auch Zeitzeugenberichte und glückliche Zufälle, die die Suche unterstützen. So erzählt Weingand von einer damals weit über 90-jährigen Frau, die von einem Zivildiener in den 1990er-Jahren gefragt wird, wie es in ihrer Jugend mit Homosexualität aussah. „Ach, die Homophilen“, sagte die Frau, „was haben wir in den 20er-Jahren nicht für tolle Partys gefeiert, doch dann sind die Nazis gekommen und haben alles zerstört.“ Daher zieht Weingand folgendes Resümee: „Homosexualität ist eine historische Konstante. Die Frage ist allerdings, wie eine Gesellschaft juristisch, medial und so weiter damit umgeht. Wir haben es aktuell mit einer Generation zu tun, die in ihrer Jugend wegen ihrer Homosexualität noch eingesperrt werden konnte, heute aber verheiratet ist.“  

Daher dokumentiert er auch die Entwicklungen rund um die sogenannte „Schwulen- und Lesbenehe“. So ist etwa der Trauungssaal im Rathaus längere Zeit tabu für gleichgeschlechtliche Paare. Dies zieht Demos nach sich mit dem Tenor, dieser Saal sei kein Privateigentum eines Politikers. Ein Urteil des Verfassungsgerichtshofs macht dann auch klar, dass es sich hier um eine Diskriminierung handelt.

Trotz der pandemiebedingten Verschiebungen der Stadtspaziergänge ist das Interesse groß und das Publikum sehr gemischt. Hans-Peter Weingand ist entsprechend motiviert, das Projekt über das Kulturjahr hinaus weiterzuführen. Was die generelle Lebenssituation homosexueller Menschen angeht, sieht er deutliche Verbesserungen in den vergangenen zwanzig Jahren. So könnten sich junge Menschen schon in der Schule deklarieren. Und jede Woche würde durchschnittlich ein gleichgeschlechtliches Paar in Graz heiraten. „Was es aber auch noch gibt: Leute, die in Familien große Schwierigkeiten haben, oft aus religiösen Gründen – und damit meine ich alle Religionen.“

(c) RosaLila PantherInnen, Peter Beck
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