Total Refusal (Leonhard Müllner, Michael Stumpf in Zusammenarbeit mit Jona Kleinlein, Adrian Haim, Susanna Flock und Robin Klengel)

MURPOD / ALMABTRIEB

Website
#Umwelt und Klima    Bildende Kunst

Das Muhen in der Mur

Beim Zugfahren vorbei an den vor Jahren gefluteten Weidelandschaften der hiesigen Flusstäler kommt dem Kollektiv die Idee zu „Murpod“, einem Almabtrieb im Zeichen der Klimakatastrophe. Leonhard Müllner, Michael Stumpf sowie Susanna Flock, Adrian Haim, Jona Kleinlein und Robin Klengel gehören zur Gruppe Total Refusal, die sich als „Pseudo-Marxistische Medienguerilla“ bezeichnet.

Zwei Umweltkriege toben in Graz, sagt Müllner, beide sind ambivalent. Jede der Kriegsparteien argumentiert mit Klimaschutz. Die einen wollen die Flusslandschaft retten, die anderen mit Wasserkraft „grünen“ Strom erzeugen, um nicht mehr auf Kohle, Gas oder Atom angewiesen zu sein. Die zweite Frontlinie verläuft entlang der Grenze Natur vs. Stadt und hat die neue Augartenbucht zum Thema. Die einen prangern an, wie viele Bäume gefällt wurden. Die anderen sehen die stark frequentierte Bucht als Bereicherung für die Bevölkerung. Der Ort für das Projekt „Murpod“ ist damit gefunden.

Wenn die Temperatur steigt, wird die Obersteiermark mehr Regen abbekommen, die Mur wird für Überschwemmungen sorgen. Als starkes Bild dafür verwendet Total Refusal die Tiere im Fluss, die abgetrieben werden. Die Kuh als das Sinnbild für die industrialisierte Fauna ist nicht zufällig gewählt. Der Klimawandel bildet den realen Hintergrund für die Welt von Videospielen. „Wir intervenieren in diese Spiele, machen Live-Performances mit Avataren, extrahieren daraus Filme“, erklärt der Künstler. „Wir machen das Politische, das in der Spieleindustrie verschleiert wird, sichtbar. Die Idee war, das Spiel ‚Red Dead Redemption 2‘ heranzuziehen, weil es so hyperrealistisch ist, weil die digital dargestellte Natur der physischen so gleicht. Zugleich arbeiten wir hauptsächlich mit Videoinstallationen und versenkten für das Projekt eine Leinwand in der Mur.“

Mit „Mods“, Modifikationen des Videospiels, werden Bilder von schwimmenden Kühen hergestellt, das Wetter und andere Parameter im Spiel werden verändert. Die Künstler*innen schlüpfen in die Kuh-Avatare, steuern sie und werden zur Herde, die den Fluss abwärts treibt. Die Szene wird abgefilmt und auf die Leinwand projiziert. „Die Grafik ist so gut, dass viele gar nicht erkennen, dass es sich um ein Computerspiel handelt“, meint das Kollektiv. Land und Stadt vermischen sich, es ertönen Glocken, man hört Muhen. Zu sehen gibt es zwei Teile mit je 45 Minuten Dauer. Am Ende jeder der Sequenzen geht die Welt in Feuer und Flammen auf, versinkt im Umweltinferno.

Das Ende ist absehbar
Wie waren die Reaktionen der Menschen, die die Kühe in der Mur gesehen haben? „Als pseudo-marxistische Medienguerilla ist es uns wichtig, dass das Publikum dieselbe Freude verspürt wie wir“, meint Leonhard Müllner. „Es geht um ein Verlassen der Kunst-Bubble, die Arbeit sollte als Test auch unseren Eltern gefallen. Wenn wir im öffentlichen Raum agieren, dann müssen es ja alle dort sehen, daher ist Begeisterung wichtig. Und wie macht man das? Indem es im Kern eine Schönheit gibt, man kräftige und erstaunliche Bilder schafft. Das zweite Überzeugungsmittel ist der Humor, der unsere Projekte charakterisiert.“

Total Refusal sieht sich als Teil einer konkurrenzgetriebenen Kunstszene, innerhalb derer über Social Media um Aufmerksamkeit gekämpft werden muss und befeuert damit die Wirtschaftsweise, gegen die das Kollektiv eigentlich anzukämpfen versucht. Deren antikapitalistische Selbstbezeichnung ist daher – anders als der ideologische Wesenskern des Kollektivs, denn im Herzen sind sie Marxist*innen – eine rebellische Geste, ein Akt der Demut gegenüber der Übermacht des real existierenden Kapitalismus. Der Kulturtheoretiker Mark Fisher meinte dazu, es sei einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Das Scheitern und die scheinbare Ausweglosigkeit ist der Ausgangspunkt der Arbeit von Total Refusal. Und so soll mit Bildern und Interventionen Aufmerksamkeit dafür geschaffen werden, wie besessen die Menschheit von einem Wirtschaftssystem ist, das ihr den Boden unter den Füßen wegzieht.

(c) Lex Karelly
Scroll down
  • (c) Lex Karelly

  • (c) Lex Karelly

  • (c) Lex Karelly

  • (c) Lex Karelly

  • (c) Lex Karelly

  • (c) Lex Karelly

  • (c) Lex Karelly

  • (c) Lex Karelly

  • (c) Lex Karelly

  • (c) Total Refusal (Adrian Haim mit der Hilfe von Leonhard Müllner, Jona Kleinlein, Susanna Flock)

  • (c) Total Refusal (Adrian Haim mit der Hilfe von Leonhard Müllner, Jona Kleinlein, Susanna Flock)

go topnach oben

Das Kulturjahr 2020 wurde unterstützt von: