Im Umland von Graz und auch anderswo gibt es Bauernhöfe, deren Pacht seit Jahrzehnten an den Handelspreis von Salz gebunden ist. Die Überlegung war ursprünglich, die Kosten über einen Zeitraum von 100 Jahren konstant zu halten und so Sicherheit für mehrere Generationen von Pächtern und Eigentümern zu ermöglichen. Außerdem stand diese Preisbindung im Widerspruch zur Spekulation. Bei der Eröffnung seines Projekts erfuhr das Duo OCTO–R von einem Bekannten, dass er auf einem dieser Höfe lebt.
Wie viel Salz haben Sie heute bereits erarbeitet? Wollen Sie es gleich mit nach Hause nehmen? Seit mehr als zehn Jahren arbeitet OCTO–R an den Schnittpunkten von Architektur, Film, Installation und Ausstellungsdesign. Der Themenbereich Arbeit und Geld beschäftigt Christina Romirer und Ulrich Reiterer schon seit geraumer Zeit. Dabei stießen sie auf den Begriff „Salarium“, französisch „Salaire“ oder deutsch „Salär“, der die Bezahlung der Arbeitskräfte ab der Antike mit dem begehrten Stoff Salz bezeichnete. Für das Kulturjahr 2020 ermittelte OCTO–R die Summe der gearbeiteten Stunden eines Tages in Graz mit einer Umfrage und stellte dies visuell mit Salzbarren dar.
Die Umfrageergebnisse wurden außerdem mit dem nach wie vor aktuellsten Bericht der Statistik Austria zur „Zeitverwendung“ von 2008/2009 in Relation gebracht. Es ging den Künstler*innen dabei vor allem um ein Bewusstmachen der unbezahlten Tätigkeiten, die in unserer Gesellschaft von enormer Bedeutung sind, dabei aber wenig Wertschätzung genießen. In diesem Zusammenhang betonen Romirer und Reiterer, dass Frauen nach wie vor fast doppelt so viele Stunden an unbezahlter Arbeit leisten. Interessant ist weiters, dass nur rund die Hälfte der Befragten Schulbesuch oder Studium als Arbeit sieht. Wohl die wenigsten Menschen analysieren ihren Tagesablauf im Detail, doch genau das interessierte das Duo. Zudem stand die Frage im Fokus, wie man Arbeit definiert, wo sie primär stattfindet und wie man Arbeit einem Kind beschreiben könnte.
Zahlen, bitte
Die Umfragen fanden einerseits auf Märkten statt, was auch während der pandemiebedingten Einschränkungen möglich war, andererseits auf einer Website. Als Arbeit gilt für die meisten erst einmal nur die bezahlte Aktivität. Erst in vertiefenden Interviews wurde den Befragten bewusst, dass auch Leistungen als Freiwillige, etwa in Vereinen, als Arbeit bewertet werden könnten. Bei entsprechend hohem Einkommen tendieren die Menschen schließlich auch dazu, andere dafür zu entlohnen, dass sie ihre eigentlich unbezahlte Tätigkeit übernehmen. Stichworte: Kochen, Bügeln, Babysitten, Putzen.
Neben Themen wie gerechter Lohn, Arbeitszeiten und bedingungsloses Grundeinkommen gewannen auch andere Fragen an Aktualität: Die Ausbreitung des Homeoffices, die Mehrfachbelastungen für berufstätige Eltern, die Herausforderungen des „Distance Learnings“ für Jung und Alt.
Um nun den Wert der Arbeit in ein Bild zu verwandeln, produzierten Romirer und Reiterer mit dem Publikum unter anderem Salzbarren. „Ich fand es während der Herstellung sehr spannend, dass wir von den Menschen viel über ihre Arbeitswelt und die Lebenssituationen erfahren haben“, erzählt Ulrich Reiterer. 999 handgefertigte Salzbarren hatte OCTO–R letztlich zur Visualisierung der Arbeitszeit und zur späteren Verteilung in einem Ausstellungsraum in der Annenstraße produziert. Ein Barren steht jeweils für 2.300 geleistete Arbeitsstunden. Ergibt in Summe? Exakt 2.298.347 Stunden, die in Graz pro Tag gearbeitet werden, davon 1.039.976 unbezahlt.
Um die Kernfrage des Kulturjahrs in diesem Fall ein wenig zu adaptieren: Wie will OCTO–R arbeiten? „Ohne Leistungsdruck, aber mit qualitativem Ergebnis. Mit einer Förderstruktur, die weniger politische Einflussnahme aufweist. Gerne mit einem bedingungslosen Grundeinkommen.“