Der Grundgedanke von Michael Hieslmair und Michael Zinganel: Die Herausforderungen für eine Stadt enden nicht an ihrer Grenze. Wenn es um die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen geht, spielt das Umland eine wichtige Rolle. So erforschen sie große Logistikknoten im Süden von Graz sowie Umsteigepunkte, die Zinganel als „soziale Not-Terminals“ bezeichnet. Die Autobahnabfahrt Ilz mit einer Tankstelle als Umsteigeort für Pendler*innen und ein Lkw-Parkplatz plus Tankstelle und Laufhaus gehört ebenso dazu wie die Raststätte Kaiserwald an der A2. Hier lassen Fahrer*innen aus verschiedenen Nationen ihre Laster über das Wochenende stehen und pendeln, sofern das zeitlich möglich ist, nach Hause. Mit diesen Knoten sind nicht nur Verkehrs- und Umweltfragen verknüpft, sondern auch soziale Probleme.
Zugleich positionieren sich große Unternehmen aus der Logistikbranche gerne als kunstaffin. So ist es für „Tracing Spaces“ gar nicht schwer, entsprechende Absichtserklärungen von namhaften Unternehmen zu erhalten. Mit der Pandemie wird die Zusammenarbeit jedoch sehr erschwert. Der Kontakt zu Ansprechpersonen wird de facto unmöglich, die geplanten Recherchen in Firmenniederlassungen müssen entfallen. Andererseits zeigen das Volkskundemuseum und das Kunsthaus an den Ergebnissen Interesse. „So haben wir eine raumgreifende Installation im Kunsthaus gebaut, die nur auf unseren Vorrecherchen beruhte“, erzählt Zinganel. Dazu gibt es ein schwebendes Wegenetzwerk zu sehen und Audio-Spuren zu hören, die Gespräche mit Menschen aufbereiten, die „backstage“ arbeiten.
Fahrradtour statt Busreise
Aus dem Plan, mit Autobussen die Verteilerzentren abzufahren und dort Gruppenführungen anzubieten, werden Touren mit der S-Bahn und dem Rad zwischen Schlachthof und Puntigamer Gürtel respektive Werndorf und Kalsdorf. Außer im Postverteilerzentrum der Post AG darf man nirgends hinein. Aber es gibt auch von außen viel zu sehen: „Es erschien uns gescheiter, statt der geplanten Kunstintervention als Abschluss eine genaue Karte zu machen, einen Logistik-Fahrradweg, der auch über das Kulturjahr hinaus benutzt werden kann“, zieht Zinganel eine erste Bilanz. „Wir planen auch Markierungen mit Info-Stelen an den wichtigsten Standorten in der Logistiklandschaft.“ Zugleich betont er aber: „Unsere Partner*innen aus der Wirtschaft wollen die Führungen durchaus machen.“
Angesichts dessen, was er „backstage“ gesehen hat, stellt Michael Zinganel mit seinem Team eine Reihe von Forderungen auf: „Zuallererst: Respekt und Fair Pay für Mitarbeiter*innen auf allen Hierarchieebenen in der Transportwirtschaft – auch für nichtösterreichische Lagerarbeiter*innen, Fahrer*innen und (Schein-)Selbstständige Unternehmer*innen. Nur Applaus reicht nicht – wie bei anderen Systemerhalter*innen auch. Fair Tax auf Transportmedien und Treibstoffe. Ganzheitliche Planung über die Stadtgrenzen hinaus und politische Verantwortung der Grazer*innen für die wachsenden Logistikcluster im Umland. Um den Transportaufwand zu vermindern, wird es auch Verteilerzentren im Stadtgebiet geben müssen. Die Logistikstrateg*innen von Amazon sind nicht unvernünftig. Noch lassen sie die Pakete unsere Post AG verteilen. Wenn sie es selber machen, dann muss das von Standorten, die näher an den Zielgruppen sind, verteilt werden, damit es auch tatsächlich billiger kommt. Ökologisch ist das ja nicht von Nachteil.“
Und schließlich sieht Zinganel auch dringenden Handlungsbedarf beim Bauen: „Wenn schon weiterhin Wachstum und Flächenverbrauch, von Konsumverzicht sind wir ja meilenweit entfernt, dann bitte auch die Verpflichtung, die Oberflächen der riesigen Logistikgebäude zur Kompensation der Versiegelung zu nutzen. Begrünte Fassaden und Dächer für Kühlung und Urban Farming. Frei nach Joost Meuwissen würden ja ganze Schulbauten und Reihenhaussiedlungen auf die Dächer der Hallen passen.“