Jüdische Gemeinde Graz

DAS MOBILE BETHAUS

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Am Rande des Zentrums

„Als ich Elie Rosen von der Jüdischen Gemeinde traf, fragte ich ihn: ‚Hast du schon etwas für das Kulturjahr geplant?‘ Er verneinte und sagte: ‚Wenn dir was einfällt, mach es‘.“

Der Künstler Oskar Stocker, der sich schon lange und intensiv mit Religionen beschäftigt, fühlt sich dadurch motiviert. Er fragt sich: Wo ist denn die Jüdische Gemeinde in Graz, was ist in der Shoah geschehen, worum geht es im Judentum? Seine Antwort ist ein Kunstwerk, das er mit seinem kongenialen Partner Luis Rivera realisiert: das „Mobile Bethaus“, das im Juli 2021 am Grazer Hauptplatz installiert wird. Allerdings nicht in der Mitte des Platzes, sondern am Rand. Die symbolträchtige Wahl dieses Ortes ist Stocker fast so wichtig wie die Gestaltung. Die Stämme Israels definieren die zwölf Seiten der Installation. Diese bilden durch ihre Ausrichtung einen Davidstern. Außen ist das Bethaus grau, der Innenraum ist blütenweiß. Leichtes Licht fällt von oben herab.

„Wenn ich in meiner durchgeknallten Art sage, ich will im Inneren des Bethauses eine Säule, vielleicht eine Rauchsäule – dann sagt Luis nicht, dass das nicht geht. Sondern er überhöht es und sagt: ‚Die Säule muss schweben.’“ Es ist ein großes Vergnügen, Oskar Stocker zuzuhören, wenn er die Genese des Werkes und die Zusammenarbeit mit Luis Rivera beschreibt. Zum Bethaus kommen fünf Fahnen in Rot mit abgefallenen Hakenkreuzen, die von den beiden durch die Stadt transportiert werden. Bei Straßennamen mit einem bedenklichen historischen Hintergrund machen sie Aufnahmen, ein Schauspieler liest alle Namen vor. Dies wird erweitert durch Videos von Straßeninterviews und auf einem dritten Monitor werden Zeichnungen und Skizzen zum Projekt gezeigt. So entsteht am Ende eine multimediale Komponente, die das Werk erweitert. Im Nachklang gibt es auch einen umfangreichen Katalog, der Texte von Hannah Lessing, Andrea Kühbacher, Rita Pirpamer und Marlene Streeruwitz versammelt.

Bei der Eröffnung am Grazer Hauptplatz fällt das große Polizeiaufgebot auf. „Leider war es nötig“, sagt Stocker und betont zugleich, dass es zu keinen Zwischenfällen kam und alle Restriktionen im öffentlichen Raum hinsichtlich Covid beachtet werden konnten. „Die Reaktionen waren sehr gut, speziell von Jüdinnen und Juden“, fasst der Künstler seine Eindrücke zusammen. Zugleich weiß er: „Der schwelende Antisemitismus ist natürlich immer da. Nach dem zweiten Bier hört man andere Sachen. Zum Beispiel in Bezug auf Weltverschwörung und Corona.“

Religion on the road

Die Idee an sich ist übrigens nicht auf das Kulturjahr und auch nicht auf die steirische Landeshauptstadt beschränkt. Stocker will das „Mobile Bethaus“ in allen Partnerstädten von Graz zeigen, in denen es eine jüdische Gemeinde gibt. Aus Ljubljana und Wien gibt es schon Interesse, sagt er. Allerdings wird das Werk weder in einem Hinterhof noch in einem Kreisverkehr zu sehen sein, darauf achtet der Künstler penibel: „Dazu ist mir das Thema zu wichtig.“

Die mobile Ausgestaltung, die den Transport des Werkes erst möglich macht, ist aber mehr als reine Zweckmäßigkeit. Sie ist eine Reaktion auf die Geschichte des Judentums, das sich immer wieder „on the road“ befand, sei es im Mittelalter oder im 20. Jahrhundert. Die vielen Einflüsse aus Ländern, Sprachen und Kulturen haben die Glaubensgemeinschaft geprägt. So stellt das Werk Fragen, die über die Religion hinausreichen. Wie gehen wir mit Minoritäten um? Wie entstehen Mobilitätsbewegungen von Gruppen, von ganzen Völkern? Wer darf bleiben, wer muss gehen?

Oskar Stocker zieht am Ende Bilanz: „Jedes Projekt ist der gepflügte Acker für das nächste. So hat mich dieses Werk viel gelehrt. Und deswegen finde ich ein Kulturjahr auch gut und wichtig. Ich bin mir sicher, dass durch all die Projekte viele neue Pflänzchen wachsen. Schließlich möchte ich in einer spannenden und vitalen Stadt leben.“

Jüdische Gemeinde Graz Mobiles Bethaus Eröffnung
(c) Foto Fischer
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  • (c) Johanna Lamprecht

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