„Wir hatten einmal eine Dame in der Tanzstunde, die schüttelte ihren Kopf: ‚Ach das Tanzen, ich habe mein Leben lang Fenster geputzt, wenn ich nicht muss, mag ich mich nicht mehr bewegen.‘ Aber als die Musik anfing, hat sie dann doch mitgemacht.“
Suni Löschner und Katharina Weinhuber tanzen mit Generationen, wie sie ihren Zugang definieren. Gemeint sind damit alle: von Kindern über Jugendliche, Erwachsene bis zu den Senior*innen. Das Motiv für ihr Projekt im Kulturjahr 2020: Es gibt ihrer Wahrnehmung nach zwar Programme für ältere und alte Menschen, aber selten spielt dabei der Körper eine größere Rolle. Vor allem der zeitgenössische Tanz findet meist anderswo statt. Dabei vergisst man gern, dass viele Ältere weder ins Theater gehen können noch stundenlang auf beengtem Raum sitzen. Löschner und Weinhuber gehen einen anderen Weg – dorthin, wo ihr Publikum lebt.
Ihr Stück „Bilder einer Frau“ wurde daher in zwei Grazer Einrichtungen für Senior*innen aufgeführt. Die Zuseher*innen waren zumeist weiblich und 90+. Auch mit Hundertjährigen zu sprechen ist für Weinhuber und Löschner keine Seltenheit mehr. In Graz verbrachten die beiden jeweils fast einen ganzen Tag in den Heimen. Zuerst gab es eine gemeinsame Tanz- und Begegnungsstunde, dann eine Aufführung. Und viele Gespräche, die teilweise auch ins Stück einfließen. „Wir verbinden Volkslieder mit zeitgenössischem Tanz, wir sprechen die Menschen auf verschiedenen Ebenen an“, erzählt Katharina Weinhuber. Auch dort, wo das Gedächtnis nachlässt, die Demenz ihre Wirkung tut, können Musik und Bewegung Erinnerungen wecken: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Körperlichkeit sehr in den Vordergrund rückt im gehobenen Alter.“
In „Bilder einer Frau“ wird getanzt, aber auch gemeinsam gesungen, es gibt verschiedene Interaktionsmöglichkeiten für das Publikum. Die Künstlerinnen behandeln im Stück Themen wie Mutterschaft und Familie, Partnerschaft und Liebe, den Wiederaufbau, die Arbeit und das Warten, bieten aber auch eine abstrakte Auseinandersetzung mit dem Abschiednehmen und dem Tod. Vertraute Gesten und Bewegungen erleichtern die Erinnerung. Lieder wie der „Andachtsjodler“, „Die Gedanken sind frei“ oder „Froh zu sein bedarf es wenig“ haben starke Wirkung auf das Publikum. So war vor allem im Pflegewohnheim „Erika Horn“ in Andritz die Resonanz sehr groß und auch die Wertschätzung für das Projekt. Die in Graz erstmals praktizierte Kombination aus einer Begegnungsstunde und der nachfolgenden Aufführung habe sich dabei sehr bewährt, resümieren die beiden in Wien lebenden Tänzerinnen. Ihr Lieblingszitat einer Zuseherin: „Ich habe alles verstanden!“
Warten auf morgen
Wie möchten Suni Löschner und Katharina Weinhuber in der Stadt leben, vor allem später einmal als Seniorinnen? „So selbstbestimmt wie möglich. Ich möchte entscheiden können, was ich tue. Wir sehen in den Heimen, dass die Menschen sehr viel warten müssen. Mein Wunsch wäre, dass ich selbst viel gestalten kann“, sagt Löschner. „Ich möchte so gut vorbereitet sein, dass ich auch Hilfe annehmen kann“, ergänzt Katharina Weinhuber. „Wir sehen oft, dass die positiv gestimmten und aufgeschlossenen Menschen viel besser leben. Die, die sich freuen können über ein Programm wie eine Tanzstunde, haben dann auch mehr davon als die, die ihre Zeit im Heim als Zwang erleben. Und: Ich möchte keine Gettoisierung, aus meiner Perspektive ist das sehr traurig.“
Die Arbeit mit Senior*innen wird Löschner und Weinhuber auch nach dem Kulturjahr beschäftigen. Das zweite Stück trägt den einladenden Namen „Über die Schönheit“, das dritte wird sich gezielt mit Erinnerungen beschäftigen. Auftritte in Graz? Sind durchaus nicht ausgeschlossen …