Petra Lex ist Gemeinwesenarbeiterin, Mediatorin, Kunst- und Kulturvermittlerin. Nikolaus Pessler, genannt „Pessi“, ist bildender Künstler. Gemeinsam betreiben sie das „Büro für Pessi_mismus“, das seit 2017 eine Halle in der Waagner-Biro-Straße nutzt. Damit sind wir schon mitten im Stadtteil „EggenLend“, der im Kulturjahr 2020 eine wichtige Rolle spielt. Petra Lex hat ihre eigene Geschichte mit der Gegend, sie hat das dortige Stadtteilzentrum aufgebaut und einige Jahre geleitet. Sie kennt die Umgebung und ihre Bewohner*innen, weiß um die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Wohnbau und Stadtplanung in diesem Teil von Graz. Und sie möchte ihren Teil dazu beitragen, dass die Situation erfreulicher wird. Das „Büro für Pessi_mismus“ verfolgt daher das Ziel, Kultur zu den Menschen in diesem Teil der Stadt zu bringen.
„Laut Studien schauen sich 17 Prozent der Leute bewusst Kunst an“, sagt Petra Lex, „aber was ist mit den anderen? Ich habe viel hier gearbeitet in dem Teil von Eggenberg, der halt nicht so schön ist, und in dem Teil von Lend, den vor der Errichtung der ‚Smart City‘ kaum jemand wahrgenommen hat.“ Zwei Jahre lang tourten Lex und Pessler mit ihrem „Flying Circus“ durch die Gegend und stellten Malerei an öffentlichen Orten aus. Nachvollziehbares Argument des Künstlers Nikolaus Pessler: Er will nicht, dass seine Bilder im Depot eines Sammlers verschwinden. Er möchte, dass sie gesehen werden.
Die Verbindung von Kunst und Stadtteilarbeit spiegelt sich auch im Projekt des Büros für das Kulturjahr 2020 wider, das den markanten Wasserturm quasi im Wappen hat. Die Siedlung „WALD“ liegt in einem Areal, das heute zur „Smart City“ gehört. Den romantischen Namen trägt sie nicht wegen ihrer Naturnähe; er setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Straßenzüge zusammen: Waagner-Biro-Straße, Asperngasse, Laudongasse und Daungasse. Die strukturellen Probleme sind evident. Die Häuser gehören verschiedenen Eigentümer*innen, weisen unterschiedliche Infrastruktur auf, die Bewohner*innen sind oft mit entsprechenden Differenzen konfrontiert. Manche wohnen seit Jahrzehnten dort, für andere ist ihre Wohnung nur eine Übergangslösung. Die sozialen Probleme trennen mehr, als sie verbinden. Von einem friedvollen Leben im „Wald“ ist man hier also recht weit entfernt. Genau deswegen wollen Lex und Pessler mehr Kunst in den Alltag und mehr Grün ins Grau bringen. In Kooperation mit der Landschaftsplanerin Maria Baumgartner, dem Studiengang „Bauplanung“ der FH JOANNEUM und dem Stadtteilzentrum EggenLend soll ein partizipatives Projekt entstehen, am Ende ist an einen Park für die Siedlung gedacht, basierend auf Ideen der künftigen Benutzer*innen. „Demokratie heißt, sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen“, zitiert Petra Lex den Schweizer Autor Max Frisch.
Kunst am Balkon Mit Workshops, einer Gebietserkundung, öffentlichen Lehrveranstaltungen der Fachhochschule, mit der Anbindung an das Projekt „Die Stadt & Das gute Leben“ der Camera Austria und einer Kooperation mit den Rabtaldirndln werden zahlreiche Maßnahmen gesetzt. Zugleich wird Kultur im Umfeld der Menschen sichtbar gemacht – mit einer „BalkonAusstellung“, die ein neues Bewusstsein schaffen soll. „Wir wollten dabei den Kunstbegriff hinterfragen und Kitsch mit einbeziehen. Der röhrende Hirsch ist ja auch Teil der Lebensrealität der Menschen“, sagt Lex. Im Gespräch mit ihr wird aber auch klar, dass so manches bislang nicht realisiert werden konnte und so weiter im Schatten des Wasserturms bleibt. Eine große Ausstellung samt der Einrichtung eines temporären Cafés musste pandemiebedingt abgesagt werden. Auch der Park ist gegenwärtig nur ein schöner Traum. Petra Lex ist skeptisch, um nicht pessimistisch zu sagen: „Partizipation ist ja gewünscht von der Stadtpolitik, gerade in der ‚Smart City‘. Aber man muss auch wollen. Nur darüber reden ist zu wenig, das haben die Leute dort schon gelernt.“